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Bild: Getty Images

Yoga: Der Weg zum inneren Frieden

Yoga ist mehr als nur ein Fitnesssport. Zwischen anstrengenden Übungen und seelischer Selbsterfahrung verbindet Yoga Körper und Geist. Und hilft obendrein bei verschiedenen Krankheitsbildern.

Das Ausbreiten der Yoga-Matte gleicht dem Beginn einer Reise. Wer sich auf die Matte und damit auf die Reise begibt, entzieht sich der Welt der klaren Grenzen, dem strikten Entweder-oder. Yoga spielt sich immerzu dazwischen ab, es beeinflusst sowohl Körper als auch Geist und verbindet dabei jahrtausendealte, asiatische Traditionen mit den neuesten westlichen Erkenntnissen der Psychologie und Medizin.

Weltkulturerbe

Seit 2016 wird Yoga im Verzeichnis der Unesco für immaterielles Kulturerbe der Menschheit gelistet. Yoga habe, so die Erklärung der Unesco, seit jeher einen großen Einfluss darauf, wie die indische Gesellschaft funktioniere. Das beträfe unter anderem Bereiche wie das Gesundheitssystem, die Bildung und die Kunst. Auch die 30-jährige Floor lernte Yoga erst so richtig kennen, als sie in Asien unterwegs war. Vor zwei Jahren reiste die Niederländerin allein mit dem Rucksack durch Südostasien. „Ich wollte ganz alleine reisen, weil ich zu Hause nie etwas alleine gemacht habe. Ich war so abhängig von meinen Freunden und davon, immer Leute um mich herum zu haben, dass ich gar nicht so genau wusste, wer ich ohne andere Leute denn wirklich bin,“ blickt die junge Frau aus Amsterdam zurück. In gewisser Weise hatte sie Angst davor, alleine zu sein. An vielen Ecken begegneten ihr auf ihrer Reise Yoga-praktizierende Menschen, doch ebenso oft traf sie auch auf andere junge Touristen, die wie sie mit dem Rucksack unterwegs waren. Von Einsamkeit und wirklicher Selbstfindung konnte also noch keine Rede sein. Daher entschied sich Floor dazu, die ausgetretenen touristischen Pfade in Thailand und Laos zu verlassen und mehrere Wochen in einem Yoga- und Meditations-Retreat in Kambodscha zu verbringen. „Back to basics“ sei das gewesen, wenig luxuriös, aber unglaublich toll und hilfreich. „Yoga konnte mir den inneren Frieden geben, nach dem ich gesucht hatte“, sagt Floor. Schließlich gehe es bei Yoga um so viel mehr als nur um körperliche Übungen.

Mehr als Fitness

Die körperliche Praxis macht nur einen Teil des achtgliedrigen Wegs von Yoga aus. Da ist zunächst Yama oder „Leben in Harmonie“, wie es Yogalehrerin und Buchautorin Sinah Diepold betitelt. Die fünf Yamas sind die Prinzipien für einen ethischen Lebensstil, dafür wie sich die Yogis abseits der Yogamatte verhalten. Eines dieser Prinzipien ist Ahimsa: das Nichtverletzen anderer Lebewesen. Ahimsa erlangte besonders durch Mahatma Gandhi Bekanntheit. Bei den Niyamas geht es darum, wie man mit sich selbst umgeht, um die Achtung des Selbst. Asana sind die körperlichen Übungen und damit der bekannteste Part von Yoga. Pratyahara handelt von der Kontrolle der Sinne, Dharana von der Konzentration. Dhyana deckt den Bereich der Meditation innerhalb des Yoga-Pfades ab. Samadhi kann mit reinem Bewusstsein oder Erleuchtung übersetzt werden. Bei Pranayama geht es um Atemtechniken. Besonders dieser Aspekt ist heute in der Psychotherapie interessant. So kann durch gezieltes Atmen gegen Stress- oder Angstzustände gearbeitet werden. Das führt dazu, dass auch verstärkt Psychotherapeutinnen und Psychotherapeuten eine Ausbildung zum Yoga-Lehrer absolvieren. Vermehrt beschäftigen sich auch Studien mit den verschiedensten Anwendungsgebieten von Yoga. Ein Mediziner, der sich schon seit vielen Jahren auch auf wissenschaftlicher Ebene mit Yoga beschäftigt, ist Dr. Holger Cramer von der Universität Duisburg-Essen. Der studierte Psychologe promovierte bereits 2012 zur Wirksamkeit von Yoga bei chronischen Nackenschmerzen und forscht weiterhin zu den Wirkungen von Yoga in der Therapie und Prävention. In der Yoga-Forschung stehen vor allem die positiven Effekte bei Krankheiten wie Rückenschmerzen, Depression, Brustkrebs, Herz-Kreislauf-Erkrankungen oder Diabetes im Mittelpunkt.

Von der Schülerin zur Lehrerin

Für Floor änderte sich ihr Leben nach der Zeit im Yoga- und Meditations-Retreat grundlegend. Nach einem kurzen Aufenthalt in ihrer niederländischen Heimat zog sie nach Chicago und konnte wegen arbeitsrechtlicher Gründe in den ersten Monaten nicht arbeiten. Yoga machte sie in dieser Zeit kaum. „Die Phase hat mich wieder komplett aus der Balance geworfen, mich ruhelos werden lassen. Ich fing an, meine Freunde und Familie mehr und mehr zu vermissen.“ Da habe sie sich an das gute Gefühl erinnert, das Yoga ihr gegeben habe. „Ich habe dann eine Yoga-Schule gesucht, die sich ausdrücklich mit allen Aspekten von Yoga beschäftigt“, erzählt Floor. Schon nach den ersten Kursen habe sie sich direkt wieder in Yoga verliebt und ihre innere Ruhe wiedergefunden. „Meditation gab mir wieder die Stärke, mir wirklich einen Moment nur für mich zu nehmen, mich auf mich zu fokussieren und von den Asana-Übungen kann ich sowieso nie genug bekommen.“ Durch das amerikanische Essen habe sie zudem zehn Kilogramm zugenommen. Dank Yoga konnte sie dieses amerikanische Willkommensgeschenk wieder ablegen. Gestärkt von den vielen positiven Erlebnissen wollte sie ihre Yoga-Liebe nun auch an andere Menschen weitergeben und begann eine Ausbildung zur Yoga-Lehrerin in Mexiko. Heute ist Floor Yoga-Lehrerin, genau in jener Yoga-Schule in Chicago, in der sie in ihrer unruhigen Anfangszeit in den USA hereinspaziert war.