Tag : Let’s Dance

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„Ich dachte, meine Welt wäre die große, weite Welt“

Sabrina Mockenhaupt bereitet die Zeit nach ihrer Laufkarriere vor. Zuletzt trat Mocki in der RTL-Show „Let’s Dance“ auf. Ob sie nun eine TV-Karriere plant und die Laufschuhe tatsächlich an den berühmten Nagel hängt, verriet sie uns in einem exklusiven Gespräch.

Mocki, mit deiner Teilnahme bei „Let’s Dance“ hast du dich auf völlig neuem Parkett bewegt. Glitzer und Show, dazu eine permanente TV-Präsenz. Wie hast du das Ganze erlebt, und wo siehst du beim Tanzen die größten Parallelen und Unterschiede zum Laufsport?

Nun, zunächst mal musste ich ganz schön hart arbeiten. Auch beim Tanzen gilt: Von nix kommt nix. Disziplin ist wichtig. Laufen ist im Gegensatz zum Tanzen relativ einfach. Du musst einen Schritt vor den anderen machen – jedenfalls nicht groß über deine Schritte nachdenken. Beim Tanzen denkst du permanent in Schrittfolgen. Das fiel mir schwer. Mich irritierte schon der Zwischenapplaus während der Show. Dann wurde ich immer schneller, auch weil mich beim Laufen Jubel nach vorne treibt. Ich bin da quasi konditioniert. Beim Tanzen passt das jedoch nicht. Da kann man nicht so einfach ausrasten, schwupps, bist du aus dem Takt. Mir war direkt klar: Wenn ich bei „Let’s Dance“ was erreichen will, muss ich mehr üben als andere.

Was hat sich in dieser Zeit bei „Let’s Dance“ sonst noch für dich verändert?

Der Unterschied ist die Vielzahl an Menschen, die sich auf einmal mit dir beschäftigen, deine Leistung kommentieren, dich auf der Straße erkennen, Fotos mit dir machen wollen. Ich dachte immer, dass die Leute mich eigentlich bereits kennen müssten. Nun musste ich feststellen, dass ich zwar in Läuferkreisen einen guten Bekanntheitsgrad habe, mich in der viel größeren anderen Welt jedoch eigentlich niemand kannte. Ich dachte, meine Welt wäre die große, weite Welt. Als ich bei den Proben zu „Let’s Dance“ ankam, kannte mich tatsächlich niemand. Weder die Mittänzer noch die Zuschauer. Das hat sich im Positiven wie im Negativen total verändert. Gerade die negativen, persönlichen Angriffe über Instagram und Facebook, weit unter der Gürtellinie, die haben mich während der Zeit bei „Let’s Dance“ schon getroffen. Das kannte ich in der Fülle bislang nicht. Leider bleiben schlechte Kommentare mehr im Gedächtnis haften als die vielen gut gemeinten.

Damit wir uns das besser vorstellen können: Wie war der Tagesablauf während deiner Zeit bei „Let’s Dance“?

Eigentlich habe ich die ganze Woche jeden Tag, bis auf den Samstag, trainiert, das heißt getanzt. Samstags, am Tag nach der Show, war ich jedes Mal mental komplett leer. Das ist tatsächlich vergleichbar mit einem Marathonrennen. Du gibst alles rein und bist dann komplett ausge­powert. Dabei macht mir Tanzen total Spaß. Schon früher bei den Banketts nach Wett­kämpfen war ich immer eine der Ersten auf der Tanzfläche. Ich liebe ­Abschlusspartys, allerdings nur, wenn ich gut gelaufen bin, sonst habe ich mich immer geschämt. Ich hab mir das damals immer verboten, dann zu feiern. Nicht gut gelaufen hieß nicht feiern.

Bin ich früher noch bis zu 160 Kilometer die Woche gelaufen, kam ich in der Zeit bei „Let’s Dance“ oft nur auf 20 Kilometer. Dabei habe ich immer Laufsachen dabeigehabt. Ich habe das Laufen ganz schön vermisst und wäre so froh gewesen, öfters aus dem Hotel herauszukommen. Mal frische Luft zu tanken. Erich Klann, meinen Tanzpartner während der Zeit, konnte ich allerdings auch mal überzeugen mitzukommen. Der Hauptfokus lag aber verständlicherweise auf dem Tanzen und vor allem dem Erlernen der Schritte. Sonntags wurde dann der neu zu erlernende Tanz vorgestellt, der Rest der Woche bestand dann aus Feinschliff.

Das spricht für enormen Ehrgeiz. Konntest du den während der Tanzshow im Zaum halten?

Das war schon schwierig. Beim Tanzen musst du ja loslassen und locker sein. Erich hat immer wieder angemerkt, dass ich mich stocksteif bewege (lacht). Ich bin quasi an meinen Muskeln verzweifelt. Beim Laufen trainierst du darauf, dass dein Rumpf möglichst stabil bleibt. Nun musste alles locker sein. Ich kann ja auch keinen Spagat. Bei meinem ersten Auftritt habe ich die Arme so bewegt, als ob ich ins Ziel einlaufen würde. Am Ausdruck und den passenden Bewegungen haben wir also stark arbeiten müssen. Und ohne dass es vulgär klingen soll: Ich musste üben, nicht immer so breitbeinig zu gehen. Sonst bin ich schließlich den ganzen Tag nur in Laufklamotten unterwegs, da brauchte ich nicht besonders weiblich zu gehen oder darauf zu achten. Erich, der Gute, hat während des Tanz­trainings immer versucht, möglichst viel Weiblichkeit aus meinem Körper rauszuholen. Das ist ihm teilweise auch gut gelungen, und ich habe mich nach und nach wohler dabei gefühlt.

Wie lief es dann während der Shows?

Ich bin ja ein Wettkampftyp. Die ganze Woche über war ich total nervös und glaubte nicht, dass ich die ganzen Schrittfolgen zusammenbringe. Am Tag selber war ich meist ohne großes Lampenfieber. Mir war es egal, ob das rote Licht nun an war oder nicht. Ich hab die Kameras meistens vergessen. Ganz toll fand ich im Übrigen den Zusammenhalt der Tänzer untereinander. Mit „Pommes“ (der Ex-Handballer Pascal Hens, Anm. d. Red.) ­habe ich mich eh gut verstanden, aber auch mit den anderen Tänzern.

Wird man eigentlich für „Let’s Dance“ angesprochen, oder muss man sich dafür bewerben?

Nun, die Entscheider müssen dich zumindest mal auf dem Schirm haben. Das war schon mal die erste Hürde. Mich kannte ja niemand in der TV-Welt. Das haben wir ja eben schon angesprochen. Wir Läufer fliegen da völlig unter dem Radar, die meisten wissen gar nicht, was wir leisten. Also habe ich mich selber beworben. An meinem letzten Geburtstag hatte ich dann das Casting. Danach hatte ich ehrlich gesagt ein nicht so gutes Gefühl. Ich habe so viel geredet an diesem Tag, die kamen gar nicht mehr zu Wort. Ich glaube, mir hörte auch keiner mehr richtig zu. Anfang des Jahres kam dann jedoch die positive Rückmeldung. Da war ich dann stolz, schließlich habe ich das allein erreicht, auch allein verhandelt.

Mocki, nun konnte man vor einiger Zeit lesen, dass du die Laufschuhe an den Nagel gehängt hast und dich fortan um die Karriere nach der Karriere kümmern möchtest. Diese Meldung hast du jedoch ziemlich schnell ­korrigiert. Heißt das, wir sehen dich in naher ­Zukunft wieder auf der Laufstrecke?

Da muss ich ein wenig ausholen. Als ich nicht zur EM nach Berlin fahren konnte, bin ich in ein riesiges mentales Loch gefallen. Zuvor habe ich nach Verletzungen und Operationen im Training immer wieder viel zu früh Gas gegeben und meinem Körper wieder alles abverlangt, nur um schnell wieder in Form zu kommen. Das war ein Fehler. Ich hatte einfach keine Lust mehr aufs Laufen. Von jetzt auf gleich habe ich nicht mehr trainiert. Zudem ging meine Zeit bei der Bundeswehr dem Ende zu. Von dort bekomme ich zwar Geld für eine fünfjährige Übergangszeit, das ist so weit beruhigend, aber es war an der Zeit, mich um meine weitere Zukunft zu kümmern.

In Richtung Management habe ich mich dann ebenfalls anders aufgestellt. Auch hier wollte ich andere Ideen bekommen. Um mich zu ­orientieren, habe ich nach ­einer Zwischenlösung gesucht, wollte dann sehen, ob ich nicht doch weitermache mit der Lauferei. „Let’s Dance“ war dann tatsächlich nach der Hyrox-Fitness-Challenge eine der ersten Ideen. Da wollte ich immer schon teilnehmen. Und es war mir allemal lieber, als die Vorschläge meines Beraters anzunehmen, mich über die Dörfer zu schicken und mit Blickrichtung Tokio auf einer Art Abschiedstour „abzukassieren“.

Dass der DLV mich zudem aufgrund falsch interpretierter Meldungen mit einem Rücktrittsgesuch angeschrieben hat, fand ich nicht so nett. Da hat noch nicht mal jemand persönlich nachgefragt, ob das so richtig ist mit dem Rücktritt. Ein kurzer Anruf wäre nach den vielen Jahren der Zusammenarbeit doch nicht zu viel verlangt gewesen. Zumal ich in der Vergangenheit immer für den Verband da war, wenn ich gebraucht wurde. Der DLV hat sich aber auch dafür entschuldigt, das muss fairerweise dazugesagt werden.

Was können wir denn zukünftig von dir ­erwarten?

Ich habe jetzt erste TV-Erfahrung sammeln können und auch bei der Hyrox-Fitness-Challenge mitgemacht. Hyrox hat total Spaß gemacht, war aber zu hart für mich allein. Zwar habe ich mir extra Muckis antrainiert, bei den ganzen Kraftübungen war ich dennoch unterlegen. Nur gut zu laufen hat dort nicht gereicht. Das könnte ich mir jedoch als eine Doppel-Challenge noch mal vorstellen. Auch im TV könnte ich mir vorstellen, etwas zu machen. Es gibt ein paar Ideen, aber noch nichts Konkretes. Was das reine Laufen betrifft, möchte ich auf jeden Fall Trailrunning weiter ausprobieren. Für diesen Sommer habe ich beispielsweise einen Start beim Pitz-Alpine-Run fest eingeplant. Aber auch das leistungsorientierte Laufen generell habe ich noch nicht ganz abgeschrieben. Irina (­Mikitenko, Anm. d. Red.) war schließlich mit 39 in der Blüte ihres Lebens. So alt bin ich ja noch nicht mal (schmunzelt). Jedenfalls ist für die Zukunft noch nichts endgültig entschieden. Ich freue mich jetzt zunächst einmal darauf, mein altes Leben wiederzuhaben. So schön die Auszeit beim TV auch war, das Laufen habe ich schon sehr vermisst. Und auch wenn ich im Moment aus dem Leichtathletik-Pool des DLV raus bin, mich würde beispielsweise auch ein internationaler Team-Wettbewerb in der Leichtathletik reizen. Dafür muss ich jedoch zunächst wieder fit werden. Nach nur 59 Kilometern im April komme ich langsam wieder in Form und finde meinen Rhythmus. Ich scheine mein Tief überwunden zu haben, das Laufen macht mir jedenfalls wieder total Spaß. Und einen kleinen Vorteil hat die momentane Situation – ich muss mich nicht mehr jeden Tag für Dopingkontrollen zur Verfügung stellen (lacht). Man sollte mich jedoch noch nicht abschreiben. Und schließlich weiß man nie, was kommt. Vielleicht möchte ich ja auch noch Mutter werden.

 

Interview: Ralf Kerkeling