Tag : Herausforderung

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24 h Wanderabenteuer

100 Kilometer in 24 Stunden – lange Wanderungen liegen im Trend. Und wer nach dieser Achterbahn der Gefühle ins Ziel kommt, hat seine Grenzen verschoben und sich selbst noch einmal ganz anders kennengelernt.

Die Grenze ist nur in deinem Kopf – ein großes weißes Bettlaken mit dieser Aufschrift, das am Wegesrand hängt, soll die Frauen und Männer in Wandermontur noch einmal motivieren. Es ist Sonntagmorgen, und die wandernde Meute ist schon seit dem Nachmittag des Vortags unterwegs – ohne Pause durch die Nacht. 100 Kilometer in 24 Stunden ist das ambitionierte Ziel.

„Der meiste Teil ist dabei wirklich Kopfsache, solange du weißt, dass du deinen Körper nicht kaputt machst. Ich würde sagen, dass es bei mir ungefähr 30 Prozent Körper und 70 Prozent Kopf sind“, erzählt Johanna Ruppersberg, die schon bei vier Wander-Events die 100 Kilometer bewältigen konnte. Am schwersten sei es in der Nacht. „Zwischen zwei und drei Uhr, wenn man im Dunkeln durch einen Wald geht, kommt meistens der Tiefpunkt. Zu der Zeit will eigentlich jeder für sich sein, und alle gehen mit etwas Abstand voneinander und hören zum Beispiel Hörbücher“, berichtet die Berlinerin.

Doch auf die Nacht folgt die Sonne und damit auch die Phase der Euphorie. „Du siehst diese Gestalten in Wanderklamotten aus dem Wald kommen und weißt, dass jeder der hier ist, auch all das hinter sich hat, was du schon hinter dir hast. Das ist ein tolles Gemeinschaftsgefühl. Trotzdem ist diese Euphorie­phase nur von kurzer Dauer“, warnt Johanna. „Danach kommt bei mir direkt die Müdigkeit. Ich hatte auch schon mal einen Sekunden­schlaf beim Gehen. Da ist es gut, wenn Leute um dich herum sind.“ Auf die ­müde Phase folge dann hysterisch albern und aggressiv – bis nach 100 Kilometern die Gefühls­palette einmal komplett abgehandelt wurde.

Warum mache ich das?“

Doch so verschieden die Emotionen während der Wanderung auch sind – eine Frage bleibt unverändert. Das „Warum mache ich das?“ ist für die Teilnehmerinnen und Teilnehmer ein ähnlich konstanter Begleiter wie die XL-Schachtel Müsli-Riegel im Rucksack, das gute Zureden der freiwilligen Helfer an den Verpflegungsstationen und der Traum vom frischen Bier beim Zieleinlauf. „Ich stelle mir die Frage ­bestimmt 50 Mal. Aber eine richtige Antwort darauf finde ich nicht. Wenn mich Leute das so fragen, ­antworte ich einfach ganz kurz mit ‚Weil ich es kann‘“, sagt Johanna. Die 30-Jährige ist eher zufällig zu ihrem extremen Hobby gekommen. Sie hatte den Mammutmarsch in Berlin vor ein paar Jahren zufällig bei Facebook gesehen und ist dann einfach mit drei Freunden losgewandert. „Bei Kilometer 30 sind meine Freunde ausgestiegen“, erzählt Johanna. So ergeht es vielen Menschen auf der Strecke, und dann heißt es unter den mehreren Hundert Mitgehern, neue Partner zu finden, die mitsamt Tempo und Persönlichkeit zu einem passen. ­Johanna hat auf diese Weise ihren ­Laufbuddy Ingo gefunden. Mit ihm geht sie seitdem jährlich bei zwei bis drei Wander-Events an den Start. „Mehr machen wir nicht, schließlich müssen Kopf und Körper es unbedingt ­wollen“, sagt Johanna. Das nächste Ziel der zwei sind 157 Kilometer in 48 Stunden in Willingen.

Ein nie da gewesener Ehrgeiz

Bei ihrer ersten 100-Kilometer-Wanderung war für Johanna noch knapp zwanzig Kilometer vor dem Ziel Schluss gewesen. Genau so erging es auch ­Moni Muschalik, die im vergangenen Jahr in Wuppertal ihre Premiere feierte. Doch diese fast doppelte Marathondistanz war für sie schon ein großer Erfolg und eine noch größere Überraschung. Als Ziel hatte sich die Dortmunderin eigentlich 40 Kilometer gesetzt, das hatte sie in der Vorbereitung geschafft – oder, wenn es gut laufen sollte, 60 Kilometer. „Aber dann haben mich die tolle Stimmung und das Gemeinschaftsgefühl weiter angetrieben“, erzählt Moni, „und ich wusste, dass bei Kilometer 81 Freunde von mir warten. Die zu sehen und mit einem Glas Sekt anzustoßen war eigentlich das Einzige, an das ich denken konnte. Als ich dann die erste bekannte Person gesehen habe, kamen direkt die Emotionen hoch, und ich musste erst einmal weinen.“ Als sie anschließend mit ausgezogenen Schuhen und Sektglas in der Hand im Gras saß, habe sie sich gefühlt wie eine Mischung aus Zombie und alter Oma. „Am Sonntag habe ich gesagt: ,Nie wieder!‘, Montag war es eher so ein ,Joa‘-Gefühl und Mittwoch dann ‚Klar, ich mache wieder mit und versuche dann, auch die 100 Kilometer zu schaffen‘“, berichtet die 31-­Jährige. Sobald die Anmeldung möglich war, hat sie sich wieder ange­meldet. „Ich bin das erste Mal in meinem Leben so sehr an meine Grenzen gegangen. Und ich habe vor allem gemerkt, dass es Sachen gibt, wo ich solch einen Ehrgeiz entwickeln kann. Das kannte ich vorher nicht von mir.“

 

Kerstin Börß