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Bild: Getty Images

Sport-Schick

Beim Trend „Athleisure“ wird Sportmode zur Alltagsmode. Besonders Yogahosen haben es von der Matte auf die Straße geschafft. Doch eigentlich ist dieser Modetrend schon viel älter.

Vor nicht allzu langer Zeit sträubte man sich noch sehr, abends in der gemütlichen, graumelierten Jogginghose zum Supermarkt zu gehen. Auch, wenn es draußen schon dunkel und der Supermarkt nur einen Katzensprung entfernt war, zog man sich doch lieber schnell die Jeans über. Die Zeiten haben sich geändert! Heute haben es Sporthosen in den Teil des Schranks geschafft, in dem die Alltagsmode zu Hause ist. Zu dem bequemen Gefühl, das auch schon die schlabbrige Jogginghose von damals ausmachte, hat sich ein Hipness-Faktor gesellt. Wer zum Beispiel eine Frau in einer Yogahose durch die Stadt gehen sieht, vermutet zwar zunächst, dass sie auf dem Weg in ein Yogastudio ist, zeigt sich aber auch nicht verwundert, wenn sie in ein Café abbiegt, um mit ihren Freundinnen zu brunchen. Die Yogahose in all ihren bunten, glitzernden oder schlicht-schwarzen Variationen ist das aktuellste Kapitel der Geschichte von „Athleisure“, dem Einzug von Sportkleidung in die Alltagsmode. Mit „Athleisure“ wird dabei nicht nur ein Modephänomen betitelt, sondern für die natürlichen, bewussten und sportlich lebenden Menschen ein ganzes Lebensgefühl präsentiert.

College-Style

Der Beginn des Siegeszuges von „Athleisure“ wird meistens auf das Jahr 1997 datiert. Damals ging der kanadische Geschäftsmann Chip Wilson das erste Mal in einen Yogakurs. Ein Jahr darauf gründete er die Modemarke Lululemon. Heute, 20 Jahre später, gibt es kaum einen internationalen weiblichen Star, der noch nicht in einer teuren Lululemon-Yogahose auf der Straße gesichtet wurde. Jennifer Garner und Britney Spears sind zwei prominente Beispiele. Doch auch, wenn Chip Wilson oftmals als Erfinder von „Athleisure“ gehandelt wird, ist die Moderevolution keinesfalls nur auf Yogakleidung zu beschränken und eigentlich auch schon erheblich älter. Schließlich haben es Sweatshirts, Sneaker oder Baseballjacken schon lange heraus aus den Sporthallen und hinauf auf die Bürgersteige geschafft. All diese Klamotten eint zudem das Merkmal, dass sie zuerst auf der anderen Seite des Atlantiks, in den USA, und erst dann bei uns in Europa modische Lieblinge wurden. Also muss gerade dort nach dem wahren Ursprung von „Athleisure“ oder auch „Casual Mode“ gesucht werden. Die Historikerin Deirdre Clemente von der Universität von Las Vegas macht die US-Collegestudenten für den „Casual Dress“, wie sie die sportliche Alltagsmode nennt, verantwortlich. Sport habe die Art und Weise, wie sich Amerikaner kleiden, grundlegend verändert. Als Startschuss ist da bereits das Ende des 19. Jahrhunderts zu nennen. Die Sternstunde der athletischen Mode setzte allerdings später im 20. Jahrhundert ein. 1939 schrieb die Modezeitschrift „Vogue“, dass die meisten Collegestudentinnen bis zu 15 Sweatshirts besäßen. 1942 verkündete das Magazin „Life“, die Universität Princeton sei für die College-Jugend, was Paris für die Frauenmode sei.

Amerikanische Mode

Diese Mode sei durch eine Notwendigkeit entstanden. Die Studenten hätten Zeitnot gehabt. Sportjacken, Sweatshirts und Shorts zu tragen habe ihnen erlaubt, vom Klassenraum direkt zur Sporthalle zu gehen, ohne die Anziehsachen zu wechseln. Außerdem entwickelte sich der Trend, die Uni-Zugehörigkeit auf den Sweatern zu präsentieren. Doch bald ging es außerhalb des College-Campus für nicht studierende Sweatshirt-Trägerinnen darum, eine generelle Vorliebe für einen ­aktiven Lifestyle zu präsentieren. Collegestudenten hätten in einem sich selbst regulierenden Umfeld gelebt, wo die Modevorschriften nicht von Eltern oder sozialen Standards vorgegeben wurden, erklärt Clemente. Praktisch und komfortabel waren ihre Hauptansprüche an die Mode. Der Rest des Landes folgte den Collegestudenten. Somit definieren diese zwei Worte nun die Mode der USA und seien dabei in Clementes Worten vor allem die Uniform der amerikanischen Mittelklasse. Global gesehen ist die „Casual Mode“ amerikanische Mode, die jedoch durch Fernsehen, Musik und Sport auch in Europa beliebt wurde. Auf unserem Kontinent gab es ähnliche Entwicklungen. So schafften es die britischen, meist dunkelgrünen Jagdmäntel in unsere Alltagsmode, und der Erfolg der Polo-Shirts trägt den Namen des französischen Tennisstars und Modeschöpfer René Lacoste.

Vielleicht ist es gar nicht so wichtig, genau sagen zu können, wer wo zuerst Sportmode in den Alltag gebracht hat. Vielmehr sollte es um das Gefühl von Freiheit gehen, das diese Mode uns vermittelt. Denn strikte Vorschriften, was man wann und wie anzuziehen hat, gelten lange nicht mehr. Die Grenzen der Mode-Genres verschwimmen oder verschwinden sogar ganz.

Kerstin Börß