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Bilder: Norbert Wilhelmi

Running City New York

Das große Traumziel vieler Läuferinnen und Läufer ist der TCS New York City Marathon. So auch für Sabine und Florian, die active woman zum Big Apple begleitete. Schrill, glitzernd, schräg – das größte Lauffest der Welt beeindruckte nachhaltig.

New York erwacht anders als andere Städte auf dieser Welt. So viel steht mal fest. Das viel besungene Brodeln der Stadt, es ist ständig präsent. Immer ist etwas los, ohne dass es dabei extremst laut zugeht. Überhaupt ist New York entspannter als zumindest ich es mir vorgestellt habe. Die Bewohner haben sich perfekt mit ihrer Umwelt arrangiert. Volle Straßen, volle U-Bahnen – jau, dann ist das so. Kein Grund, unfreundlich oder gar hektisch zu werden. Ganz ehrlich, ein Gang über eine Kölner Einkaufsstraße ist nervenaufreibender als ein Bummel entlang der 5th Avenue. So lassen die ersten Momente in der Megametropole am Hudsonriver die Synapsen direkt rotieren.

Für den Kopf ist es nahezu unmöglich, die geballte Flut von Eindrücken sortiert zu verarbeiten. Hier ein Wahnsinnsgebäude, dort ein cooler Freak, ein Flirren allüberall. Auch für mich und große Teile unserer Reisegruppe verläuft die erste Nacht und das erste Erwachen im Big Apple eher ungewöhnlich. Der Jetlag fordert unseren Biorhythmus heraus. Heißt in meinem Fall, jede Stunde aufwachen, umdrehen, wach liegen, schlafen und wieder von vorne das Ganze. Gegen fünf Uhr früh beende ich meinen verzweifelten Versuch, zur Ruhe zu kommen, und streife mir die Laufsachen über. Die beste Idee eines noch sehr jungen Tages. Als ich Richtung Central Park trabe, ist es noch dunkel, zumindest, was man in dieser Glitzermetropole so dunkel nennen kann. Der Himmel liegt irgendwo versteckt zwischen den Hochhaustürmen Manhattans, Sterne sind nur zu erahnen. Erhellt werden die Straßen überwiegend durch hell beleuchtete Bürokolosse. Je näher ich dem Central Park komme, auf je mehr Gleichgesinnte treffe ich. Pünktlich mit meinen ersten Metern geht die Sonne in diesem Mekka für Läuferseelen auf. Wir Early Birds werden von einem strahlenden Tag begrüßt. Mit jedem Kilometer nimmt die Schar der Läufer im wundervoll angelegten Park zu. Das ist sie also, die besondere Stimmung am Wochenende des größten Marathons der Welt. So treffe ich auf eine Laufgruppe aus Argentinien, die sich mit Läufern aus Italien zusammengeschlossen hat, jeweils zu erkennen an den unterschiedlichen Landesfarben auf ihren Laufshirts. Zahlreiche andere Sprachen gesellen sich innerhalb kürzester Zeit hinzu.

Die Masse an Läufern ist beeindruckend. So viele Läufer bei einem entspannten Morningrun – mancher Laufveranstalter in Deutschland wäre froh, nur einen Bruchteil davon als Teilnehmer begrüßen zu dürfen. Ein gemeinsames Einstimmen auf den anstehenden Marathon, ein erster Test auf einer der bekanntesten Zielgeraden des weltweiten Marathonzirkus. Ich treffe auf Sabine und Florian, in der Laufszene bekannt als Runningbambiii und Flooorrriii. Beide scheint der Jetlag ebenfalls zu einem frühen Läufchen inspiriert zu haben. Der Morningrun sollte für uns zu einem Ritual der nächste Tage werden. Kurz und knackig, nicht zu viel, schließlich steht der große Marathontag noch an.

Etwas, das in Erinnerung bleiben wird

Die Krux eines jeden Marathonläufers ist es, sich einerseits auf einen Marathon zu freuen, also entsprechend ausgeruht am Start stehen zu wollen, und sich dennoch nicht gänzlich dem Reiz der jeweils bereisten Stadt entziehen zu können. New York und ausruhen, das passt nicht zusammen, zumindest nicht für uns Hobbyläufer. Zu reizvoll sind all die Sehenswürdigkeiten. Wir reißen einiges an Touri-Kilometern ab. Meist zu Fuß, um es jedoch nicht komplett zu übertreiben, ab und an mit den praktischen Hop-on-hop-off-Bussen. New York im Crashkurs, wer kann sich dem schon entziehen?

Die Tage vergehen wie im Flug, die Stadt steht ganz im Zeichen des Marathons. Der Besuch auf der Messe, das Abholen der Startnummern, der eigentliche Grund für den Besuch rücken näher. Leichte Rennnervosität, gepaart mit absoluter Vorfreude, macht sich in unserer Gruppe breit. Jeder von uns hat sein persönliches Laufziel. Für einige ist es der erste Marathon, andere haben Zeitziele. Sabine ist in den letzten Jahren mehrfach den Marathon gelaufen, für Florian ist es das erste Mal in New York. Er möchte eine ordentliche Zeit laufen, jedoch auch die Atmospähre mitnehmen. Eine gute Entscheidung, wie sich im Verlauf des Sonntags zeigen wird. Denn der Lauf durch die Megacity hat es in sich. Eine profilierte Strecke, es geht rauf und runter. Absolut beeindruckend sind die Menschenmassen am Wegesrand. Die positive Stimmung trägt uns durch die Straßen New Yorks. Auf den hügeligen Kilometern durch Brooklyn und Williamsburg erzeugen die Zuschauer eine Tour-de-France-Atmosphäre, so eng machen sie die Straßen, brüllen die Läufer motivierend weiter. Für mich ist kurz vor Manhattan, nach etwas mehr als der Hälfte der Strecke, Schluss – die Hüfte macht zu. Was für jeden von uns bleibt, ist am Ende des Tages die Gewissheit, an etwas Besonderem teilgenommen zu haben. Ein Erlebnis, das uns noch lange im Gedächtnis bleiben wird.

Ralf Kerkeling