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Regina Halmich im Interview

Bild: iStock

Regina Halmich

Regina Halmich ist die erfolgreichste Profiboxerin der Welt. 12 Jahre lang war sie ungeschlagene Weltmeisterin im Fliegengewicht. Der Sport hat die heute 41-Jährige genauso geprägt wie die soziale Einstellung ihrer Familie. 2007 hatten Sie Ihren Abschiedskampf.

Welche Rolle spielt der Boxsport heute noch in Ihrem Leben?

Eine ganz große Rolle. Boxen ist eine Leidenschaft und das bleibt auch nach der Karriere. Ich verfolge das Boxgeschehen tagtäglich, sei es im Internet oder auf Veranstaltungen. Und nach wie vor leite ich ja auch BoxCamps und Trainings.

Ist das Boxen auch noch Bestandteil Ihres persönlichen Trainings?

Wenn ich Trainings gebe, zeige ich noch viel, aber ich selbst mache kein Wettkampftraining mehr. Ich habe mich schon ein bisschen da-von distanziert. Auch aus Selbstschutz. Ich weiß, wenn ich wieder auf einem bestimmten Level trainieren würde, dann würde ich auch wieder die Herausforderung suchen. Also Wettkämpfe bestreiten. Damit die Gefahr nicht so groß ist, habe ich offiziell gesagt, dass ich nach meiner Karriere 2007 die Boxhandschuhe nicht mehr anziehe.

Sie hatten also schon damals Angst, wieder rückfällig zu werden?

Ja (lacht). Ich powere mich seitdem anderweitig aus. Hauptsächlich mache ich Cross Fit, Freestyle Training und Hanteltraining. Ich trainiere sehr viel im High-Intensity-Bereich. Kurze, knackige Trainingseinheiten, die die Pulsfrequenz schnell nach oben bringen und bei denen man sich im optimalen Fall auch wieder schnell erholt. Das ist mein Ding. Mit Yoga, Pilates oder Zumba kann ich weniger anfangen. Da bin ich auch nicht die Expertin dafür. Bei mir muss es nach wie vor ein Sport sein, der in kürzester Zeit die Anstrengung bringt. Um mich so richtig auszupowern, mache ich abends gerne Cycling-Intervall. Das mache ich auch oft zusammen mit Sven Ottke, er ist ja auch ehemaliger Weltmeister im Boxen und er trainiert auch bei Fitness First. Da verabreden wir uns hin und wieder auch mal zum Training.

Machen Sie täglich Sport?

Nein, ich schaffe es drei bis vier Mal pro Woche. Das ist realistisch. Wenn es mal mehr wird, freue ich mich. Aber ich bin eben auch viel unterwegs, leite Trainings, halte Vorträge. Und natürlich beobachte ich den Fitnessmarkt und seine Trends. Ich probiere alles aus und bewerte die Programme. Manches funktioniert, manches nicht.

Sie entwickeln selbst Sport- und Fitnessprogramme. Was ist Ihnen dabei wichtig?

Ich habe mich auf den Freizeitsportbereich spezialisiert, auch wenn ich nach wie vor Profis und Fitnessfreaks unheimlich gerne trainiere, weil ich da selbst mit trainieren und an meine Grenzen kommen kann. Aber ich bin durchaus in der Lage, einen Anfänger oder einen Hobbysportler zu trainieren und es ist oft die viel größere Herausforderung. Bei meinen Trainingsprogrammen – egal ob es das BoxCamp ist oder ein anderes Kursformat – gibt es immer zwei Varianten. Man kann wie ein Profi trainieren, aber es gibt auch immer eine abgeschwächte Form. Das fängt schon an bei den Liegestützen, die man auch auf den Knien machen kann. Das wichtigste ist, dass jedes Trainingslevel glücklich und zufrieden macht.

Der Boxsport ist ja durchaus ambivalent. Einerseits übt er eine große Faszination aus, anderseits zuckt man bei den Schlägen unweigerlich zusammen. Wann wussten Sie, dass Sie boxen wollten?

Das zieht sich durch mein ganzes Leben, seit meinem elften Lebensjahr. Zunächst fing ich mit Judo an. Eine Freundin nahm mich dann mit zu Karate und ich war total fasziniert von den Kickboxern. Ich habe immer zugesehen. Ein Trainer ist so auf mich aufmerksam geworden. Er hat gemerkt, dass ich neugierig und fasziniert bin. Mit 13 fing ich dann mit dem Kickboxen an und war total begeistert. Es stellte sich sehr schnell heraus, dass ich mit den Fäusten extrem gut bin. So hat sich das schließlich entwickelt. Ich kann nicht sagen, dass ich das von Anfang an wollte oder es immer mein Ziel war. Neugierde und Talent kamen zusammen.

Und auch ein glücklicher Umstand, dass das jemand erkannt hat…

Ja, das ist ganz wichtig im Leben. Viele haben ein großes Talent, aber es bleibt unentdeckt und wird nicht gefördert. Insofern hatte ich da großes Glück. Was ist das Besondere am Boxsport? Prinzipiell schon der Wettkampfgedanke. Sich messen, an Grenzen zu gehen. Im Ring zu stehen. Man weiß, es kann etwas passieren. Man muss gut sein, man muss besser sein. Ansonsten tut es weh. Das ist schon so eine Adrenalinsportart, die einen besonderen Reiz hat und einen besonderen Kick gibt. Aber natürlich ist das nichts für jeden. Nicht jeder ist für das Boxen geeignet. Man muss das schon wollen. Schläge ins Gesicht zu bekommen, dafür muss man schon ein spezieller Typ sein. Ich habe einfach gemerkt, dass es mir liegt und dass ich es gut kann. Und der Reiz liegt darin, mehr zu treffen als getroffen zu werden. Für mich ist Boxen auch eine sehr intelligente Sportart. Man kann es durchaus mit einem Schachspiel vergleichen. Man muss dem anderen immer einen Zug voraus sein. Und natürlich muss man schnell reagieren können.

Sie haben gesagt, es ist sicher nicht etwas für jeden. Würden Sie es trotzdem empfehlen?

Man muss zwischen einem Wettkampf und dem Boxtraining unterscheiden. Professionell zu boxen und einen Wettkampf zu bestreiten, ist eine ganz andere Nummer. Ob das etwas ist, muss jeder für sich herausfinden.

Das Boxtraining als solches, das ja in vielen Studios angeboten wird, kann ich dagegen uneingeschränkt empfehlen. Trainiert werden die Kernelemente des Boxens wie Koordination, Kondition, Strategie und Kraft. Man muss ja für das Boxen nicht unbedingt in den Ring steigen, sondern kann das Training genießen. Also Sandsack-Training, Schattenboxen und Seilspringen. Da gibt es schon viele Möglichkeiten und Boxen ist das beste Ganzkörpertraining überhaupt.

Liegt Boxtraining im Trend?

Ich denke, es ist mehr als ein Trend. Es hält sich wirklich schon über Jahre. Das Kursformat hat sich fest etabliert und oftmals sind in den Kursen sogar mehr Frauen als Männer. Und es ist auch eine gute Möglichkeit für Leute, die das Boxen für sich entdeckt haben, aber auf keinen Fall morgens mit einem blau-en Auge zur Arbeit gehen können. Denn das Gesicht ist in diesem Training tabu.

Zu Ihrer Zeit war Boxen eine absolute Männerdomäne. Hat Sie das geprägt? Ja, das hat mich schon geprägt. Diese Jugend-und auch die Profizeit in einer Männerdomäne. Ich habe praktisch nur mit Männern trainiert. Nach und nach sind noch zwei, drei Frauen zu Universum Box Promotion gekommen, die einen Profivertrag bekamen. Aber gerade am Anfang war ich allein. Es gab 30 Profiboxer. Alles  Männer. Ja, man lernt schon, sich durchzubeißen. Das Klima ist einfach rauer. Das prägt, wobei ich schon gut mit Männern kann. Männer sind sehr direkt. Sie sagen, was sie denken. Damit kann ich gut umgehen.

Gab es denn Phasen, in denen Sie gesagt haben: „Ich höre auf“?

Ja, es gab schon Momente, wo ich dachte, ich habe genug und ich kann nicht mehr. Aber das war genau ein Tag und am nächsten Tag kam dann wieder mein anderes Ich zum Vor-schein. Und das war dann stärker und hat gesagt, ich zeige es euch. Diese Höhen und Tiefen sind ganz gut und ich glaube, die hat jeder Sportler.

Gibt es einen Wettkampf, der für Sie eine besondere Bedeutung hat?

Jeder Kampf schreibt seine eigene Geschichte. Aber der Gewinn der ersten Weltmeisterschaft bleibt immer etwas Besonderes. Das wird jeder Profiboxer sagen. Die erste Weltmeisterschaft ist einzigartig genauso wie der letzte Kampf, der Abschiedskampf. Das sind die besonderen Momente im Leben eines Sportlers. An die Kämpfe dazwischen habe ich Erinnerungen mit Gegnerinnen, die sehr unbequem waren und die einen besonders harten Schlag hatten. Die eine mochte ich, die andere nicht. Da gibt es viele Kategorien. Aber die Highlights waren der erste und der letzte Weltmeisterschaftskampf.

Bekannt wurden Sie auch mit Ihren Showkämpfen mit Stefan Raab 2001 und 2007.

Ja, das ist richtig. Da haben mich viele Leute gesehen, die mit Boxen sonst nichts am Hut hatten.

War das für Sie oder den Frauenboxsport rückblickend positiv?

Ich habe dieses Forum einfach super für mich genutzt. Ich würde nicht sagen, dass dieser Raab-Kampf etwas für den Frauenboxsport getan hat. Das wäre zu hoch gegriffen. Das ist mit Sicherheit nicht so. Aber es hat mir schon Aufmerksamkeit gebracht, vor allem bei Leuten, die mich aus dem Sportbereich nicht kannten. Insofern war es vielleicht ein medialer Durchbruch, aber definitiv nicht mein sportlicher. Mein sportlicher Durchbruch kam mit dem ZDF und der Übertragung der Wettkämpfe. Da hatte ich erstmals die Chan-ce, vor einem Millionenpublikum zu kämpfen.

Ist das ein Unterschied, wenn man weiß, es schauen Millionen zu oder „nur“ das Hallenpublikum?

Ich habe immer versucht, mein Bestes zu geben. Aber wenn man weiß, man boxt im ZDF, dann ist es schon etwas Besonderes. Die einen lähmt es vielleicht, die anderen sind erst recht motiviert. Mich hat es motiviert, denn ich habe darin meine Chance gesehen, dass ich als Frau vor einem Millionenpublikum boxen kann – im besten Falle, denn ich wusste am Anfang nicht, schauen die Leute zu oder nicht. Ich habe die Chance genutzt und den Leuten gezeigt, dass frau durchaus boxen kann und das wurde angenommen. Ich hatte im Schnitt fünf bis sieben Millionen Zuschau-er. Bei meinem Abschiedskampf waren es neun Millionen. Das ist einmalig. Das hat keine Frau mehr geschafft. Das schaffen heute kaum mehr die Männer.

Das war eine große Zeit damals und Ihren Namen kennt jeder. Sind Sie darauf stolz? Allen Grund dazu hätten Sie ja…

(Lacht) Es ist jetzt nicht so, dass ich mir sage, ich bin wer weiß wie toll. Aber ich weiß schon, was ich für das Frauenboxen oder den Boxsport allgemein geleistet habe. Es ist eine Genugtuung. Ich habe an mich geglaubt und es hat funktioniert. Ich merke auch, dass die Leute Jahre nach meinem Rücktritt das immer noch wertschätzen, dass sie immer noch sagen: „Das Frauenboxen oder Boxen überhaupt hast du populär gemacht“.

Sie engagieren sich in so vielen Bereichen. Ist das für Sie ein persönliches Anliegen?

Ja, schon. So schlecht es am Anfang meiner Karriere lief, so viel Glück hatte ich auch zum Schluss. Klar, ich habe mir auch viel erarbeitet. Trotzdem. Manchmal muss man auch zum richtigen Zeitpunkt am richtigen Ort sein. Auf einmal hat bei mir alles funktioniert. Und von dem Glück muss man auch etwas zurückgeben. Ich komme auch aus einer sozialen Familie. Mein Vater war über Jahrzehnte Stadtbeauftragter vom Malteser Hilfsdienst. Das prägt einen schon. Deswegen mache ich auch gerne mit, wenn ich eine An-frage bekomme. Natürlich kann ich bei weitem nicht alles machen. Ich suche mir ein paar Sachen heraus, die natürlich seriös sein müssen und die ich an-sprechend finde, wie z.B. das Kinderhilfswerk oder den Weißen Ring, für den ich früher viel gemacht habe, oder Pink Ribbon, die Brustkrebskampagne für Frauen.

Haben Sie Pläne für Zukunft?

Ich bekomme gute Aufträge, auch elf Jahre danach. Jedes Jahr ist anders. Es ergibt sich. Es gibt viele spannende Dinge, die ich machen kann und das empfinde ich als ganz großes Glück. Ich setze mich nicht unter Druck, in-dem ich mir neue Ziele oder Herausforderungen suche. Und Glück ist für mich auch, dass ich mir die Jobs aussuchen kann. Ich muss nicht mehr alles machen. Das schätze ich sehr und das macht mich sehr zufrieden.

 

Mehr…

Als Amateurboxerin wurde Regina Halmich drei Mal deutsche Meisterin (1992 bis 1994).

1994 wurde sie Europameisterin im Kickboxen und erhielt einen Profivertrag von Universum Box Promotion.

Von 1995 bis 2007 war sie ungeschlagene Weltmeisterin des Women’s International Boxing Federation (WIBF) im Fliegengewicht.

Seit dem Ende ihrer Profikarriere arbeitet Regina Halmich u.a. als Moderatorin und Referentin.

Für den Fitnessstudio-Betreiber Fitness First entwickelte sie das BoxCamp Trainingsformat, das zu den erfolgreichsten Angeboten zählt.

Regina Halmich engagiert sich für zahlreiche soziale Organisationen, darunter das Kinderhilfswerk, die Tierschutzorganisation Vier Pfoten und den Weißen Ring.

 

Susanne Mittenhuber