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FIFA Ballon d'Or Gala 2015

Bild: Getty Images

„Ich war nie fremdbestimmt“

Nadine Angerer hat als Kapitänin der deutschen Fußballnationalmannschaft und als Weltfußballerin den Frauenfußball geprägt. ­Heute ist sie bei einem der bemerkenswertesten Frauenfußballvereine der Welt – dem Portland Thorns FC – für die Torhüterinnen zuständig.

Nadine Angerer, in einem US-Interview haben Sie erzählt, dass Sie bei Ihrem ersten Heimspiel in Portland zum ersten Mal bei einem Fußballspiel Gänsehaut hatten. Was ist das Besondere an dem Stadion und den Fans dort?

Ich habe natürlich auch sehr gern in Deutschland gespielt. Spiele mit der Nationalmannschaft waren zum Beispiel immer etwas Besonderes. Aber in Portland haben wir in der Liga immer durchschnittlich 17.000 Zuschauer. Es herrscht eine ganz besondere, sehr warme Stimmung. Die Fans lieben die Spielerinnen dort. Es gibt eine richtige Fankultur mit einer großen Fangemeinschaft. Und das überträgt sich natürlich auch auf das Spielfeld. Diese ganze Energie, das hatte ich so in einem Ligaspiel noch nicht erlebt. Die Spielerinnen haben eigene Fangesänge, es gibt Gesänge für die Mannschaft, eigene Choreographien und Riesenbanner für jede Spielerin. Das ist eine sehr außergewöhnliche Stimmung und ein wirklich ganz außergewöhnlicher Verein auf der ganzen Welt.

Was wurde von den Fans speziell für Sie gemacht?

Die haben sich dort erst mal den Slogan „Don’t make her Angerer“ ausgedacht. Ich habe ja dann doch im Spiel den ein oder anderen fiesen Blick manchmal. Aber das war natürlich trotzdem etwas Besonderes, das bedeutet ja auch, dass du von den eigenen Fans akzeptiert wirst. Und beim letzten aktiven Spiel in ­Portland 2015 gab es dann wieder ­Gänsehaut? Die gab es natürlich auch da. Das war mein allerletztes Spiel überhaupt. Ich hatte schon meine Karriere in der Nationalmannschaft beendet. Und ich hätte mir das Drehbuch nicht besser schreiben können, als dass ich vor ausverkauftem Haus in Portland meine Karriere beende.

Wussten Sie, als Sie dort beim letzten Spiel im Tor standen, schon, wie es danach mit der Karriere weitergehen würde?

Nein, gar nicht. Ich bin ja erst mal nach Deutschland zurückgeflogen. Meine Frau und ich wollten zurück nach Deutschland. Wir sind gelandet, hatten alle Zelte in den USA abgebrochen. Dann kam der Anruf vom Verein, ob ich nicht Lust hätte, wieder zurückkommen. Da habe ich meine Sachen wieder gepackt und bin mit meiner Frau zurück nach Amerika geflogen. Insgesamt gehen wir damit jetzt schon ins sechste Jahr in Portland.

Ihre momentane Jobbeschreibung beim Portland Thorns FC ist „Director of Goalkeeping“. Ist das einfach die Übersetzung für Torwarttrainerin?

Es ist schon ein bisschen mehr als Torwarttrainerin. Ich gebe quasi den Leitfaden vor, wie wir im Verein gerne unsere Torwartinnen hätten. Es geht ­darum, dass wir gewisse Standards haben. Worauf schauen wir, was ist uns wichtig, wie die Torhüterin zum Beispiel zum Ball abspringen. Wir haben im Verein noch eine Akademie. In Amerika gibt es nicht die ­sogenannten Jugendmannschaften, sondern Academies. Da gibt es unterschiedliche Altersklassen, und die haben dann auch natürlich jeweils Torwarttrainer. Durch meine Leitlinien sollen alle an einem Strang ziehen. Im Trainingsalltag arbeite ich dann noch mit drei Torhüterinnen zusammen. Die bilde ich natürlich auch nach demselben Konzept aus.

Und dieses Konzept beruht auf ­Ihren Erfahrungen?

Ich habe mit vielen Torwarttrainern trainiert, zum Beispiel mit Michael Fuchs in der Nationalmannschaft. Über die Jahre haben wir da natürlich auch Dinge entwickelt. Ich habe immer an mir gearbeitet und Sachen verbessert. Die eine Sache ist also, dass man viel Erfahrung hat, und die andere Sache, dass man sich weiterbildet und offen ist und mit anderen Torwarttrainern redet, sich austauscht und dadurch seine eigene Philosophie weiterentwickelt und dazulernt. Das bezieht sich zum einen auf die technische Seite, das reine Torwarttraining, und zum anderen geht es natürlich auch darum, wie die Torhüterinnen ticken. Ich bin ein ganz großer Fan davon, nicht alles nach Daten und Statistiken zu machen, das geht ja immer mehr in die Richtung. Ich bin dafür, den Menschen dahinter nicht zu vergessen.

Also das System nicht nur auf eine ­Person zu stülpen?

Ja, genau. Ich habe eine Vorstellung, wie ein Torhüterin sein muss. Aber manchmal muss man das einfach korrigieren, weil die Torhüterin anders ist. Da muss ich mich als Trainerin eben auch ein bisschen verändern, um die Torhüterin dann trotzdem in die richtige Richtung zu lenken. Das finde ich auch ganz spannend dabei.

Sie waren zuerst Spielerin in Portland und dann Trainerin. Wie verlief der Übergang?

Natürlich war das am Anfang ein bisschen komisch. Denn mit vielen Spielerinnen hatte ich ja noch zusammengespielt. Aber es ist ein super Übergang gewesen. Der ausschlaggebende Punkt war, dass ich mich mental total drauf vorbereitet hatte, dass ich keine Spielerin mehr bin. Ich war nicht wehmütig. Irgendwann ist auch einfach mal gut. Ich habe alles selbst bestimmen können. Es hat mich keiner aus dem Tor genommen. Ich war nicht verletzt. Ich war nie fremdbestimmt. Von daher habe ich wirklich den absolut richtigen Zeitpunkt gefunden, um aufzuhören. Ich möchte in meinem Leben keine Spielerin mehr sein. Du erinnerst dich immer nur an die schönen Seiten, aber es gab auch sehr stressige Zeiten. Ständig dieser Druck. Das hat man jetzt natürlich auch, man will ja einen ­guten Job machen. Aber das ist nicht mehr so ausgeprägt wie als Spielerin. Nur wenn ich eine Trainingseinheit zusammenstelle, denke ich mir manchmal, dass ich da ­gerne mitmachen würde, weil es eine meiner Lieblingsübungen war.

Lernt man als Torhüterin noch besser, solche richtigen Zeitpunkte zu finden und sich zu entscheiden, weil man auch im Spiel oft schnell und spontan Entscheidungen treffen muss?

Ich denke erst einmal, dass es wichtig ist, Entscheidungen zu treffen. Als Torhüterin muss man natürlich in Bruchteilen von Sekunden eine Entscheidung treffen. Da hat man dann auch nicht die Zeit, sich ewig darüber Gedanken zu machen. Als erfahrene Torhüterin kann man diese Entscheidungen natürlich schneller treffen als jemand, der noch ganz jung ist. Wenn man dann eine Entscheidung trifft, egal in welcher Lebens­phase, kann man natürlich immer noch einmal korrigieren. Aber dann sollte man seine Entscheidungen auch durchziehen mit allen Konsequenzen.

Haben Sie heute Probleme oder Verletzungen, die Sie aus Ihrer Zeit als ­Torhüterin mitgenommen haben?

Gar nicht. Zu dem Zeitpunkt, an dem ich meine Karriere beendet habe, hätte ich von der physischen Seite locker noch drei Jahre weiterspielen können. Mir tut auch jetzt nach wie vor nichts weh. Darü­ber bin ich auch wirklich glücklich. Ich kann machen und tun, was ich möchte. Ich bin dankbar, dass mein Körper so stabil und robust ist. Das hilft mir ja auch bei meinem Job momentan. Denn als Torwarttrainerin wird man ja auch physisch belastet. Ich weiß nicht, wie viele hundert Mal ich täglich auf das Tor schieße beim Training. Wenn mir das Knie, die Hüfte oder irgendwas weh tun würde, das würde natürlich auch die Qualität ein bisschen eindämmen. Daher bin ich froh, dass ich körperlich total gut drauf bin. Die Umgebung rund um Portland ist ja ein Outdoor-Paradies.

Färbt das schon auf Sie ab?

Es ist so schön dort. Ich war ja schon immer Backpackerin, aber keine Outdoor-Spezialistin. Hier in Portland wird man aber einfach mitgerissen. Die ganze Stadt lebt ja mehr oder weniger draußen. Da ist es auch egal, wie schlecht das Wetter ist. Wir haben uns jetzt auch ein Zelt gekauft. Wir gehen also zelten und sehr viel hiken. Früher fand ich hiken – so wie spazieren gehen – einfach nur langweilig. Jetzt macht es Spaß, so wie es einfach nur Spaß macht, in Portland zu leben. Man muss nur die Augen aufmachen und die Umgebung dort genießen. Oregon ist einer der schönsten Staaten, in denen ich je war. Es regnet von Oktober bis April und es ist grau, aber ab Mai ist es dann traumhaft schön. Es blüht, alles ist grün, und auch die Leute in Portland sind der Knaller, sehr offen, freundlich und liberal. Die Stadt macht es einem schon einfach, dort zu leben.

Gibt es neben dem Hiken noch ­andere Sportarten, die Sie ­momentan gerne machen?

Ich gehe eigentlich sehr gerne tauchen. Das war ich aber jetzt zu meinem Bedauern schon länger nicht mehr, da Oregon nicht so das Tauchmekka ist. Ansonsten mache ich noch Cross-Fit-Training. Vier- bis fünfmal die Woche gehe ich schon noch selbst für mich trainieren. Und wie weit geht der Blick ­momentan in die Zukunft? Ich habe gerade einen langfristigen Vertrag unterschrieben. Also sind meine Frau und ich erst einmal die nächsten Jahre in Portland. Was danach passiert, weiß ich nicht. Wir haben aufgehört, weiter zu planen als für ein paar Jahre, und schauen einfach, was passiert.