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Three female runners running along park path

(c) Getty Images/Cultura RF

Die Zeit-Frage

Und was ist deine Zeit?“ – Das Laufshirt hängt triefend nass am Körper, das Finisher-Bier wurde noch nicht angerührt, und die Beine sind wackelig. Doch trotzdem wollen die im Zielbereich wartenden Freunde zuallererst wissen, wie viele Minuten es denn nun am Ende waren. Schneller als der letzte Halbmarathon, schneller als die Trainingspartnerin, schneller als die anderen Frauen des Jahrgangs?

Bei der Antwort auf die Zeit-Frage beginnt man, nach dem Nennen der Stunden oder Minuten, dann auch direkt mit den Rechtfertigungen: „Da wär’ sicher mehr möglich gewesen, ich bin das erste Drittel zu langsam angegangen“ oder „Am Ende habe ich mich leider noch von mehreren Läuferinnen überholen lassen“. Und sofort ist das Strahlen, das sich hundert Meter vor der Ziellinie auf dem Gesicht breitgemacht hatte, verschwunden.

„In Deutschland wird immer direkt nach der Zeit gefragt, und nicht, ob man einen schönen Lauf hatte und ob man Spaß dabei hatte“, berichtete mir eine Hobbyläuferin aus Südafrika, die in Deutschland lebt und hier auch schon mehrere Marathons absolviert hat. Als sie das erwähnte, erkannte ich mich selbst wieder und ärgerte mich über so manche Zeit-Fragen, die auch ich schon glücklichen Finishern gestellt habe. In Zukunft werde ich zuerst fragen, ob der Läufer oder die Läuferin Spaß auf der Strecke hatte, und dann mit ihnen auf einen gelungenen Wettbewerb anstoßen. Ganz ohne Zeitdruck.


Kerstin Börß