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Bild: Getty Images

Dark Run – Laufen in der Gruppe

Ob schnell oder gemütlich – niemand läuft allein. Das ist das Motto von Lauftreffs, die sich besonders in Großstädten stark vermehren und vor allem abends stattfinden. Im Vordergrund steht bei dem sportlich-urbanen Erlebnis ganz klar die Gemeinschaft.

Sie treffen sich meist abends, wenn die Sonne untergegangen ist. An irgendeiner Straßenkreuzung, mitten in der Stadt. Immer am gleichen Tag, immer zur gleichen Uhrzeit. Doch was plant diese Gang? Die abendlichen Abenteurer in Sportschuhen verbindet eine Mission: Sie wollen gemeinsam in ihrem Lauftreff ihre Stadt entdecken und ganz nebenbei die Laufkultur verändern.

Diese joggenden Gangs sind heute in vielen Großstädten, quer über den Globus verteilt, zu finden. Einige Lauftreffs wenden sich explizit an Mütter, andere wollen sich als Gruppe gemeinsam auf den ersten Halbmarathon vorbereiten, während wieder andere Gruppen hauptsächlich das abschließende Bier auf die Straße treibt. Trotz verschiedenster Orte und Hintergründe verbindet all diese „Running Crews“ die Liebe zum Laufen und die Liebe zur Individualität. Schließlich geht es bei den Lauftreffs, anders als in Vereinen, oft unstrukturierter, weniger hierarchisch und ohne Leistungsdruck zu.

Der Sport sei mehr ein soziales Event, sagt Elena Usinger. Die Hamburgerin veranstaltet in Altona jeden Montag um 19:10 Uhr den sogenannten „FemRun“. „Die Hauptmotivation bei den meisten Teilnehmerinnen ist, dass ein fester Termin mit netten Menschen mehr Lust auf das Laufen macht und dabei hilft, den inneren Schweinehund zu überwinden“, erklärt Usinger. Das sei vor allem bei den Einsteigerinnen einer der Hauptgründe. „In der Gruppe fällt vieles einfacher und macht mehr Spaß. Gerade, wenn sich die Läuferin etwas überwinden muss, dann bringt der Ausblick auf eine lockere Runde in netter Atmosphäre einen extra Motivationsschub“, ergänzt Usinger. Vor allem in der dunklen Jahreszeit käme auch noch der Sicherheitsaspekt hinzu. Schließlich würden viele Frauen im Dunkeln ungern alleine laufen.

Wichtiger Stopp: Gruppenfoto

Wohin laufen wir? Wie weit laufen wir? Und wo gehen wir anschließend noch was essen? Das sind die Fragen, die jeden Mittwoch aufs Neue durch die Kölner Abendluft schallen, während sich die „Cologne Running Crew“ auf den ersten Laufmetern befindet. Niemand unter den Läuferinnen und Läufern steckt sich Kopfhörer in die Ohren. Stattdessen unterhält man sich beim Laufen. Ein Läufer erzählt beispielsweise von seinem Campingurlaub, den er eigentlich momentan etwas südlicher am Rhein verbringt. Für den Mittwochs-Lauf mit seiner „Crew“ hat er diesen natürlich unterbrochen und hofft einzig darauf, dass die Duschen auf dem Campingplatz noch geöffnet sind, wenn er vom 12-Kilometer-Lauf zurückkommt.

Die alters- und leistungsmäßig sehr bunte Runde zieht sich nach wenigen Minuten schon stark auseinander. Doch das bleibt nur von kurzer Dauer. Schließlich warten die Schnellsten der „Crew“ an Ampeln und Straßenüberquerungen immer wieder auf den hinteren Teil der Gruppe. Einen unverhofften Stopp ohne Ampel, dafür mit See in Sichtweite, gibt es nach den ersten fünf Kilometern. Zeit für das Gruppenbild. Jede Woche machen die Läufer ein Foto für ihre Facebook-Gruppe – damit auch alle Zuhausegebliebenen sehen, was sie verpasst haben.

Die Geburtsstunde solch urbaner Running Crews für Läuferinnen und Läufer, die oftmals nicht in ein klassisch-athletisches Profil passen, wird meist mit dem Jahr 2004 angegeben. Damals war der New Yorker Mike Saes spät dran. Er wollte seinen Sohn abholen und fand kein freies Taxi. Also begann er zu rennen – über den Bürgersteig der geschäftigen Williamsburg Bridge. Auf der Brücke überkam ihn ein Glücksgefühl. Daraufhin überzeugte er seine Freunde, allesamt Mitglieder der szenigen New Yorker Kultur-Szene, nachts mit ihm ein paar Runden durch die Stadt zu joggen. Aus den Läufen entwickelte sich die Running Crew „NYC Bridge Runners“. Außer dem Vorsatz, mindestens eine Brücke bei diesen Läufen zu überqueren, ist bei den „Bridge Runners“ wenig vorgegeben. „Wir wissen nicht, wohin­ wir laufen oder wie weit, aber wir wissen, dass es ein Abenteuer wird“, beschreibt Mike Saes die Motivation seiner „Crew“ gegenüber der New York Times. Für viele sei Laufen etwas Langweiliges – etwas, dass man morgens schnell hinter sich bringen muss. Bei der Variante mit den Freunden werde das Laufen aber zu etwas, auf das man sich freue.

Wachsende Community

Die „Bridge Runners“ organisieren sich wie die anderen Lauftreffs hauptsächlich online, über eine eigene Homepage oder mithilfe von Social Media-Kanälen wie Facebook oder dem Sportler-Netzwerk Strava. Auf dem Instagram-Auftritt der New Yorker „Bridge Runners“ findet sich unter den Crew-Fotos immer wieder der Satz „Bridge the Gap“. Dahinter verbirgt sich ein Zusammenschluss von Running Crews weltweit – initiiert wurde das Ganze von Mike Saes und Charlie Dark, seines Zeichens DJ, Musikproduzent und Gründer der Londoner Laufgruppe „Run

Dem Crew“. Die Crews tauschen sich online aus oder treffen sich bei gemeinsamen Lauftreffs. „Bridge the Gap“ – im Deutschen „Überbrücke die Kluft“ – steht zum einen für das urbane Laufen über Brücken, aber auch für das Überwinden von Vorurteilen und das Zusammenbringen von verschiedenen Menschen. Ob schnell oder langsam, an der nächsten Ampel oder spätestens beim gemeinsamen Bier ist die Kluft überbrückt.

Wo in Deutschland könnte man wohl so eine „Crew“ finden, die mit anderen „Bridge the Gap“-Crews verbunden ist? Seit fünf Jahren sind die Straßen von Berlin der Laufkiez des „Run Pack Berlin“. Als eine Gruppe von Freunden, eine Familie, die zusammen läuft, bezeichnet sich die Berliner Crew. Zusammen mit zwei weiteren Lauftreffs, den „Berliner Kraft Runners“ und den „Berlin Braves“, veranstaltet die „Run Pack Crew“ unter anderem Lauf-Events, zu denen andere Crews der „Bridge the Gap“-Bewegung anreisen. Zu diesen Crews zählen natürlich die „NYC Bridge Runners“, die Londoner „Run Dem Crew“, aber auch der „Paris Running Club“ oder die „Sideline City Crew“ aus Stockholm.

Laufwiege Ruhrgebiet

Auch wenn die Bewegung der Running Crews einen hippen, internationalen Anstrich hat, ist die grundsätzliche Idee schon seit Jahrzehnten in Deutschland verankert. Als erster Lauftreff gilt der „Viermärker Lauftreff“ in Dortmund. Dieser wurde durch Enzio Busche 1974 gegründet – in einer Atmosphäre der allgegenwärtigen, durch den Deutschen Sportbund initiierten Trimm-dich-Bewegung. Aus einer kleinen Gruppe, die durch den Dortmunder Rombergpark lief, wurde im Laufe der Zeit eine Gemeinschaft von über 500 Mitgliedern. Damit ist die Gruppe aus dem Ruhrgebiet einer der größten Lauftreffs, die beim Deutschen Leichtathletik-Verband (DLV) gemeldet sind. Insgesamt beläuft sich die Zahl der beim DLV eingetragenen Lauf-, Walking- und Nordic-Walking-Treffs auf über 3.900. Doch diese Zahl ist bei weitem nicht repräsentativ für das, was tatsächlich in der deutschen Laufkultur passiert. Denn viele Treffs sind nicht beim DLV registriert.

Alle großen Sportartikelhersteller und viele Sportläden bieten mittlerweile eigene Lauftreffs an – immer wieder mit der Möglichkeit, nebenbei zudem Artikel zu testen. Auch bei Elena Usinger steckt ein Sportgeschäft hinter dem „FemRace“. Die Hamburgerin ist Besitzerin des Laufladens „running green“. „Wir bieten den Lauftreff für Frauen an, um unserer Nachbarschaft auch etwas zu geben“, sagt die Läuferin. Natürlich gehe es dabei auch um Kundenbindung und Kundengewinnung, aber es mache auch einfach Spaß gemeinsam zu laufen. Zum Anderen motiviere es auch sie selbst zum regelmäßigen Laufen, auch wenn manchmal viel Stress im Laden sei. „Ein verpflichtender Termin zum Sport kann auch etwas Gutes sein“, formuliert Usinger das abendliche Abenteuer, von dem der New Yorker Mike Saes spricht, etwas realistischer – wenn auch mit der gleichen Laufleidenschaft.