Blog

Handstand

Mach es anders!

Von der Gewohnheitsfalle zu neuem Wohlfühlglück: Wie Sie es schaffen, achtsamer mit sich umzugehen und das Leben ein Stück weit neu zu entdecken!

Jeden Tag die gleichen Handgriffe, die gleichen Wege, die gleichen Gespräche – viele Menschen sind gefangen in ihrem Alltagstrott. Obwohl sie spüren, dass ihnen etwas fehlt, wagen sie es nicht, diese Routine zu durchbrechen. Die Psychologin und Psychotherapeutin Beate Handler lädt in ihrem neuen Buch „Mach es anders“ (Goldegg Verlag) dazu ein, den Alltag nach Routinen zu durchforsten, Ausreden aufzuspüren, sich auf Mach-es-anders-Experimente einzulassen oder aber auch so manche „liebe Gewohnheit“ bewusst in ein Genussritual zu verwandeln.

active woman: Sind Gewohnheiten per se etwas Schlechtes?
Beate Handler: Die eine Seite von Gewohnheiten bietet Erleichterung und Fortschritt, die andere Seite Hindernisse und Stillstand und es gibt da auch noch die sogenannten liebgewonnenen Gewohnheiten. Angst vor Veränderung kann dazu führen, dass Menschen sich in sichere Zonen zurückziehen und zulassen, dass fixe Abläufe das Leben übernehmen. Überall lauern Gewohnheitsfallen, die das Leben grauer machen: im Denken und Handeln, im Haushalt, in der Freizeit, auf der Arbeit, in der Beziehung. Und sogar liebgewonnene Gewohnheiten können von diesem Grauschleier überzogen werden.

Muss ich nun meine Welt komplett auf den Kopf stellen, um jeden Tag anders zu gestalten?
Keine Sorge (schmunzelt). Ich persönlich schätze auch die Gleichmäßigkeit und verabscheue Veränderungen, die meinen Alltag durchrütteln. Aber ich liebe es trotzdem, immer wieder mal etwas ein bisschen anders zu machen. Es ist oft effektiv genug, Kleinigkeiten wie das tägliche Geschirrabwaschen, das Zähneputzen, den Weg zur Arbeit oder die Joggingrunde aus einer anderen Perspektive zu betrachten und mal leicht abzuändern. Auch in Partnerschaft und Berufsalltag darf ein frisches Lüftchen hineinwehen.

Wie kann das gelingen?
Mein Anliegen ist es, zum Hinschauen auf Gewohnheiten zu animieren und den Gewohnheiten somit Achtsamkeit zu schenken. Achtsamkeit bedeutet, sich dessen bewusst zu sein, dass wir etwas Bestimmtes tun. Wir sind mit allen unseren Sinnen bei einer Sache. Wir tun etwas nicht automatisch, sondern durchbrechen zumindest für einen Augenblick einen Ablauf. Sei es um festzustellen, dass es sich dabei um einen unerlässlichen automatisierten Ablauf handelt oder um etwas, das es wert ist, es zu einem neuen Erlebnis auszubauen. Achtsamkeit ist auch die Grundlage, um etwas zu genießen, oder sich an etwas erfreuen zu können.

Ihrer Meinung nach befinden sich die Menschen allzu häufig im Doing-Modus. Was ist damit gemeint?
Der Doing-Modus ist auf Leistung konzentriert und ergebnisorientiert, ein echter Automatismus. Das mag in vielen Fällen sinnvoll sein, weil uns der Alltag mit seinen vielen kleinen Aufgaben sonst überfluten würde. Doch ich plädiere dafür, öfter mal in den Being-Modus zu schalten und – auch bei Alltagsroutinen wie beispielsweise dem Duschen, der Kaffee- oder Teezubereitung – genauer hinzuschauen, auch kleine Dinge wahrzunehmen. Das ist wie bei einer Wanderung zu einer Almhütte: Im Doing-Modus befindet sich jemand, der quasi mit Scheuklappen voraneilt und nur die Hütte vor Augen hat. Die satte, grüne und vor Schönheit überquellende Natur mit all ihren kleinen Wundern, an denen der Wanderweg vorbeiführt, würde er dann gar nicht wahrnehmen. Glücklicherweise befindet sich die Mehrzahl der Menschen bei einer solchen Wanderung sehr wohl im Being-Modus und nimmt die Formationen der Landschaft, die Farbenpracht der Vegetation, die Vielfalt der Tierwelt, die Wasserläufe oder Seen, die Wolken am Himmel, die Temperatur und Beschaffenheit von Luft und Boden sowie, nicht zu vergessen, auch sich selbst und wie man sich durch die Landschaft bewegt, ganz bewusst wahr.

Und wie schaltet man in den Being-Modus?
Mit kleinen Mach-es-anders-Experimenten. Es ist zwar zwar schwierig, Gewohnheiten völlig abzulegen, aber es ist leicht, bestimmte Gewohnheiten zu hinterfragen. Alleine mit der achtsamen Auseinandersetzung meiner Gewohnheiten hole ich mir den Gewohnheitsvorgang ins Bewusstsein und unterbreche so einmal die Gewohnheitsschleife und befinde mich damit im Being-Modus.

Bleiben Sie beim Gehen kurz stehen und betrachten Sie aufmerksam die Farbe des Himmels und die Wolken. Versuchen Sie beim Treppensteigen einmal innezuhalten und genau zu überlegen, was alles nötig ist, um die nächste Stufe zu erreichen. Putzen Sie sich die Zähne mal im Kopfstand – aber nein, ehrlich, es reicht, wenn Sie hin und wieder die linke statt der rechten Hand bzw. umgekehrt nehmen. Wenn Sie sich Chips gönnen, dann knabbern Sie diese nicht nebenbei. Schmecken Sie die Kartoffelscheiben bewusst, beachten Sie dabei Würze und Konsistenz. Warten Sie einige Sekunden ab, bevor Sie noch einmal zugreifen.

Indem ich etwas bewusster wahrnehme, gelingt auch die Veränderung?
Zunächst werden Alltagsroutinen neu abgesteckt und intensiver wahrgenommen. Damit machen Sie sich die Zeit bewusster, empfinden Fühlen, Sehen, Riechen, Hören oder Schmecken intensiver. Wenn Sie so durchs Leben gehen, erleben Sie viele kleine und große Momente des Wohlfühlglücks – und das auch ohne gewaltige Veränderungen. Kleine Schritte genügen!

Gibt es etwas, was Sie persönlich so verändern konnten?
Wenn ich zum Beispiel mit der Bahn eine Reise mache, bin ich davor immer nervös und besorgt, nur ja rechtzeitig am Bahnhof zu sein. Eine Gewohnheit, die ich, seit ich mich erinnern kann, habe und die ich schwer unterbinden kann. Ich möchte daher unbedingt schon eine halbe Stunde vor der Abfahrt am Bahnhof sein. Ich habe bereits fleißig daran gearbeitet, hier Veränderungen zu erwirken, und kann auch schon Erfolge verbuchen. So reicht es mir mittlerweile auch schon, dass ich eine Viertelstunde vor der Abfahrt eines Zuges am Bahnhof bin und diese gewonnene Zeit noch genussvoll an einem schöneren Ort als einem Bahnhof verbringen kann, und ich kann mittlerweile zu lockeren Terminen auch etwas zu spät kommen.