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Das Team der Tutima

Bild: Max Ranchi/Tutima

Der Erfolg ist pink

Das stets in pink gekleidete Frauenteam der Segelyacht Tutima ist der bunte Hund der Offshore-Szene. Bei der Kieler Woche und den anschließenden Segelweltmeisterschaften in Kopenhagen wollen die Mädels wieder ganz vorne mit dabei sein.

„Es ist gut, dass es endlich wieder losgeht.“ Kirsten Harmstorf gibt sich erst gar keine Mühe, abgeklärt zu erscheinen. Denn Tatsache ist, dass die Skipperin der Tutima den Saisonstart kaum erwarten kann. Von April bis Ende September werden sie und ihre Mädels wieder jedes Wochenende auf dem Wasser sein. Entweder um an einer Regatta teilzunehmen oder um zu trainieren, wie z.B. für die Kieler Woche oder die Segelweltmeisterschaften im Juli in Kopenhagen. Natürlich gehe fast ihr gesamter Jahresurlaub für den Segelsport drauf, sagt die Versicherungsmaklerin für Seeschiffe fröhlich. „Und das ist genau das, was ich will. Segeln ist mein Leben.“
Seit 2009 hat Kirsten Harmstorf das Kommando auf der Tutima, einer sogenannten dk46. Die 14 Meter lange Rennyacht segelt im Offshore-Bereich. Hierbei treten unterschiedliche Schiffstypen gegeneinander an. Die Tutima segelt in der größten Gruppe. Eine klassische Männerdomäne. Üblicherweise besteht eine Crew für ein Boot dieser Größe aus 12 Mitgliedern – und in der Regel sind es fast ausschließlich Männer. Die Crew der Tutima besteht aus 15 Frauen. Einige Positionen werden von zwei Crew-Mitgliedern besetzt. „Das Segeln auf einer Yacht dieser Größe ist enorm kräftezehrend“, erklärt die 43-Jährige, die bereits früher mit einem Frauenteam gesegelt ist  – allerdings auf einem kleineren Boot. „Um ganz vorne mitzumischen, brauchen wir einfach ein paar Hände mehr.“

Der bunte Hund der Szene

2009 hatte der langjährige Sponsor Tutima die Rennyacht gekauft. Eine neue Crew sollte an den Start gehen und der Uhrenhersteller entschied sich bewusst für Skipperin Kirstin Harmstorf, die sich in der Offshore-Szene bereits einen Namen gemacht hatte, und eine Frauen-Crew, die auch durch ihr pinkfarbenes Outfit auffallen sollte. Und mit den Erfolgen kann der Sponsor und Eigentümer der Yacht durchaus zufrieden sein. So belegte 2015 die Tutima Crew bei der Kieler Woche den dritten Platz, bei den Europameisterschaften Platz 9 von 28 Booten und bei der Schifffahrtsregatta den ersten Platz. 2014 freute sich die Crew über Platz 2 bei der Nordseewoche und Platz 15 (von 27 Booten) bei den Weltmeisterschaften. „Wir haben eine welt- und europameisterschaftserprobte Crew und sind begeistert über die starke Performance auf dem Wasser“, sagt auch Tutima-Marketingleiterin Ute Delecate.
Und die Tutima-Mädels erregen Aufmerksamkeit. „Klar, wir sind schon so etwas wie der bunte Hund“, lacht Kirsten Harmstorf, „aber ich denke, wir fallen auch deshalb auf, weil wir immer so gut gelaunt sind.“ Der Teamgeist muss stimmen, lautet ihre Devise. Zwar hat sie das letzte Wort, doch Entscheidungen lässt sie am liebsten demokratisch treffen. 15 Frauen gehören zur Stammbesetzung der Tutima. Zum erweiterten Crewpool gehören circa 15 weitere Seglerinnen, die dann einspringen, wenn eine aus der Crew ausfällt. „Wir haben sehr viele Bewerberinnen. Und nach einem Probetraining entscheiden wir gemeinsam: Passt sie zu uns? Denn nur dann funktioniert es. Wir haben zwar immer sehr viel Spaß, aber wir sind auch sehr ehrgeizig.“ Dazu gehört auch, dass die Crew perfekt organisiert ist. Jedes Teammitglied hat eine Zusatzaufgabe. Die eine verstaut die Segel, die andere organisiert die Unterkünfte bei den mehrtägigen Regatten und wieder eine andere sorgt dafür, dass 15 Frauen am Abend einen Tisch im Restaurant finden. „Anders geht es nicht“, versichert die Skipperin.

Der Teamgeist stimmt

Von der besonderen Atmosphäre und dem Teamgeist schwärmt auch Ariadna Velazquez, die auf der Tutima die Position Spinnaker-Grinder besetzt. Die gebürtige Mexikanerin gehört erst seit einem Jahr zur Stammbesetzung der Tutima. Zuvor segelte sie auf dem Schwesterschiff im Mittelmeer in einer internationalen Crew. Mit der Tutima verbindet sie ihre eigene Geschichte. „Vor ein paar Jahren war ich bei der Kieler Woche. Ein Freund zeigte mir drei pinkfarben gekleidete Mädels und sagte, das sind die Tutima-Girls. Ich dachte, wie cool.“ Trotzdem war es dann eher Zufall, dass die 37-jährige Grafik-Designerin dann auf der Tutima landete. Mit einer Frauencrew hatte Ariadna Velazquez schon Erfahrung – und zwar in Mexiko. „Da waren wir die absoluten Exoten, denn in Mexiko spielt Segelsport überhaupt keine Rolle.“ Dass es auf der Tutima so gut läuft, liegt für sie aber nicht daran, dass es ein Frauenteam ist, sondern am Team selbst. „Es stimmt einfach alles zwischen uns.“
Das sieht auch Laila Engler so, die am Anfang größte Vorbehalte gegen das Frauen-Boot hatte. 2010 erhielt die damals 21-Jährige das Angebot, kurzfristig bei den Weltmeisterschaften auf der Tutima mitzusegeln. „Ich konnte mir überhaupt nicht vorstellen, dass so ein Frauenteam funktioniert. Bis dahin hatte ich nur Erfahrung mit Crews, in denen es ein oder manchmal zwei Frauen gab.“ Trotzdem ließ sie sich auf ein Probetraining ein und schwärmt noch heute davon. „Ich habe so etwas noch nie erlebt. Es war unglaublich beeindruckend. 30 Hände haben in einer Sekunde ein perfektes Manöver gemacht. Ich hatte richtig Gänsehaut.“ Seitdem trägt Laila Engler aus Überzeugung die Farbe der Crew. „Dieses Pink war für mich am Anfang ein echter Schock“, lacht die Wirtschaftsingenieurin, „aber mittlerweile trage ich zur Erheiterung meiner Familie sogar pinkfarbene Socken.“
Für Laila Engler – Position Großsegeltrimmerin, Navigatorin und Co-Skipperin für Kirsten Harmstorf – ist aber auch die Konstellation auf der Tutima ein Glücksfall. „Oft ist es ja so, dass der Eigner der Skipper ist und eigene Leute dabei hat. Dann sind da noch Segler wie wir an Bord. Und das Verhältnis zwischen Profis und Amateuren kann schwierig sein. Auf der Tutima haben wir alle die gleiche Einstellung und wir ziehen an einem Strang. Ich denke, auch deshalb sind wir so erfolgreich.“
Und vielleicht können die Tutima-Frauen auch gar nicht anders. Die meisten haben schon als Kind Segelluft geschnuppert oder haben ein ganz besonders Verhältnis zum Wasser wie Laila Engler. Als Baby schaukelte sie in einer Hängematte auf Deck und unter Deck konnte sie durch ein Plexiglasfenster, das ihr Vater für sie eingebaut hatte, immer aufs Wasser schauen. „So ein Gefühl und eine Verbundenheit verliert man nicht mehr und das kann einem auch niemand nehmen.“ Auch Kirsten Harmstorfs Eltern nahmen sie schon früh mit zum Segeln. Sie selbst stieg dann aber erst mit 18 in den Regattasport ein – dafür jedoch umso leidenschaftlicher. „Ich kann mir nicht vorstellen, damit irgendwann aufzuhören. Das Segeln gehört zu mir und bedeutet mir alles.“